Die Geburt stellt einen der entscheidendsten und bewegendsten Momente im Leben einer Hündin und ihres Züchters dar. Dieser natürliche Vorgang erfordert sorgfältige Vorbereitung und aufmerksame Überwachung, um die Sicherheit der Mutter und ihrer künftigen Welpen zu gewährleisten. Die Beherrschung der verschiedenen Phasen der Hundepartus ermöglicht es dir, deine Hündin gelassen durch dieses außergewöhnliche Abenteuer zu begleiten.
Vorbereitung auf die Geburt
Berechnung des Geburtstermins
Die Trächtigkeit bei der Hündin dauert durchschnittlich 63 Tage ab dem Eisprung, mit einer normalen Schwankung von 58 bis 68 Tagen. Für eine präzise Terminberechnung:
- Zählung ab Deckung: 59 bis 65 Tage nach der ersten Deckung
- Zählung ab Eisprung: 63 Tage (präziseste Methode)
- Hormonelle Überwachung: Progesteronbestimmung zur Eisprungfeststellung
- Ultraschall: ermöglicht eine Verfeinerung der Datierung zwischen Tag 25 und 35 der Trächtigkeit
Großrassen wie die Deutsche Dogge oder der Bernhardiner neigen dazu, etwas früher zu werfen als kleine Rassen wie Chihuahua oder Yorkshire Terrier.
Einrichtung des Geburtsortes
Die Installation einer geeigneten Wurfkiste ist bereits mehrere Wochen vor dem Termin unerlässlich:
Empfohlene Maße:
- Länge: 1,5 mal die Länge der liegenden Hündin
- Breite: gleich der Länge der Hündin
- Höhe der Ränder: der Mutter leichtes Ein- und Aussteigen ermöglichen
- Schutzleisten: unverzichtbar, um zu verhindern, dass die Mutter versehentlich ihre Welpen erdrückt
Materialien und Ausstattung:
- Rutschfester und wasserdichter Boden
- Leicht waschbare Decken oder Handtücher
- Umgebungstemperatur zwischen 22°C und 24°C gehalten
- Gedämpfte, aber ausreichende Beleuchtung für die Beobachtung
- Leichter Zugang für menschliche Eingriffe wenn nötig
Gewöhne deine Hündin mindestens 2 Wochen vor dem voraussichtlichen Termin an ihre Wurfkiste. Gib ihr ihre Mahlzeiten in der Nähe und ermutige sie, sich dort auszuruhen.
Vorzubereitende Notfallausrüstung
Stelle deine Geburtsausrüstung mit folgenden Elementen zusammen:
Grundausstattung:
- Wegwerfhandschuhe aus Latex oder Nitril
- Desinfizierte chirurgische Schere
- Zahnseide oder Nabelklemmen
- Spritzen ohne Nadel zum Absaugen von Schleim
- Saubere und trockene Handtücher
- Desinfektionslösung (Betadine)
- Rektales Thermometer
- Taschenlampe oder zusätzliche Beleuchtung
Notfallprodukte:
- Sterile Kochsalzlösung
- Oxytocin (nur auf tierärztliche Verschreibung)
- Injizierbares Kalziumglukonat
- Welpenmilchersatz
- Fläschchen und Ernährungssonden
- Präzisionswaage (mindestens 5g Teilung)
Niemals Oxytocin ohne tierärztliche Beratung verabreichen. Unsachgemäße Anwendung kann eine tödliche Uterusruptur verursachen.
Anzeichen für den Geburtsbeginn
Verhaltensänderungen
Die Hündin zeigt normalerweise 24 bis 48 Stunden vor der Geburt Verhaltensänderungen:
- Nestbauverhalten: Suche nach einem ruhigen Ort, Scharren, Einrichtung
- Unruhe: häufige Ortswechsel, Hecheln
- Appetitlosigkeit: Futterverweigerung 12 bis 24 Stunden vorher
- Kontaktsuche oder im Gegenteil Rückzug
- Intensives Lecken der Genitalregion
- Gelegentliches Zittern
Physiologische Anzeichen
Rektaltemperatur:
- Charakteristischer Abfall um 1°C bis 1,5°C unter den Normalwert (38,5°C)
- Diese Hypothermie tritt 12 bis 24 Stunden vor Wehenbeginn auf
- Überwache die Temperatur morgens und abends in den letzten 5 Tagen
Anatomische Veränderungen:
- Lockerung des Beckens und der Bänder
- Schwellung der Milchdrüsen mit manchmal Milchaustritt
- Geschwollene und weiche Vulva
- Scheidenausfluss klar, dann leicht gefärbt
Bei erstgebärenden Hündinnen können die Anzeichen unauffälliger sein und später auftreten.
Die drei Phasen der Geburt
Phase 1: Vorbereitung und Erweiterung
Dauer: 6 bis 20 Stunden (länger bei Erstgebärenden)
Merkmale:
- Gebärmutterkontraktionen nicht sichtbar aber vorhanden
- Erweiterung des Gebärmutterhalses
- Verlust des Schleimpfropfes
- Unruhe, Hecheln, Scharren
- Körpertemperatur steigt allmählich wieder auf Normalwert
Überwachung:
- Bleibe diskret aber wachsam
- Vermeide übermäßige Stimulation
- Notiere dir den Beginn der Anzeichen
- Kontaktiere deinen Tierarzt, wenn diese Phase 24 Stunden überschreitet
Phase 2: Austreibung der Welpen
Dauer: Variabel je nach Welpenzahl (30 Minuten bis mehrere Stunden)
Normaler Verlauf:
- Sichtbare und kräftige Bauchmuskelnkontraktionen
- Erscheinen der Fruchtblase (Allantois)
- Austreibung des ersten Welpen innerhalb von 2 Stunden nach den ersten Presswehen
- Abstand zwischen Welpen: 15 Minuten bis maximal 2 Stunden
- Abwechslung: die Hündin ruht sich zwischen den Geburten aus
Welpenpräsentation:
- Vordere Präsentation (Kopf zuerst): 60% der Fälle
- Hintere Präsentation (Hinterpfoten): 40% der Fälle, normal
- Beide Präsentationen sind physiologisch
Miss genau die Zeit: Wehenbeginn, Erscheinen jedes Welpen, Austreibung der Plazenten. Diese Informationen sind entscheidend bei tierärztlichen Notfällen.
Phase 3: Austreibung der Nachgeburt
Merkmale:
- Plazentatreibung: normalerweise nach jedem Welpen oder gruppenweise
- Die Hündin frisst instinktiv die Plazenten (Nährstoff- und Hormonquelle)
- Gebärmutterkontraktionen setzen sich fort, um Reste auszuscheiden
- Lochien: normale Nachgeburtsausflüsse für 2-3 Wochen
Aufmerksamkeitspunkte:
- Zähle sorgfältig die ausgetriebenen Plazenten
- Eine zurückgebliebene Plazenta kann eine schwere Infektion verursachen
- Begrenze die Plazentenaufnahme (maximal 2-3), um Durchfall zu vermeiden
Geburtshilfe während der Geburt
Wann eingreifen
Eingriff erforderlich bei:
- Erfolglose Kontraktionen seit mehr als 2 Stunden
- Festsitzender Welpe im Geburtskanal seit mehr als 30 Minuten
- Teilweise geborener Welpe mit gestopptem Fortschritt
- Starke hellrote Blutungen
- Mütterliche Erschöpfung mit schwachen Kontraktionen
Erlaubte Hilfeleistungen:
- Befreiung der Atemwege des Neugeborenen
- Atemstimulation durch kräftige Reibung
- Durchtrennung der Nabelschnur wenn nötig
- Sanfter Zug an einem sich austreibenden Welpen (nur wenn sichtbar)
Versuche niemals, einen nicht sichtbaren Welpen zu extrahieren. Jeder Zug muss mit den mütterlichen Kontraktionen synchronisiert und in der Beckenachse ausgeübt werden.
Neugeborenenpflege
Entscheidende erste Minuten:
- Freilegung der Atemwege: Entferne Schleim mit einer Spritze
- Atemstimulation: Reibe kräftig mit einem trockenen Handtuch
- Nabelschnurkontrolle: muss 2-3 cm vom Bauch entfernt durchtrennt werden
- Rückkehr zur Mutter sobald wie möglich für das erste Saugen
Wiederbelebungstechnik:
- Halte den Welpen mit dem Kopf nach unten, um Flüssigkeiten abfließen zu lassen
- Reibe energisch Brustkorb und Flanken
- Führe Beuge- und Streckbewegungen der Vorderpfoten aus
- Falls nötig, praktiziere Mund-zu-Nase-Beatmung
Häufige Komplikationen
Dystokie (schwere Geburt):
- Mütterliche Ursachen: zu enges Becken Französische Bulldogge, Gebärmutterträgheit, Gebärmutterdrehung
- Fetale Ursachen: zu großer Welpe, Fehllage, Missbildung
- Warnzeichen: ineffektive Kontraktionen, festsitzender Welpe, Erschöpfung
Gebärmutterträgheit:
- Primär: fehlende Kontraktionen trotz Erweiterung
- Sekundär: Erschöpfung nach mehreren Austreibungen
- Behandlung: Oxytocin unter strenger tierärztlicher Kontrolle
Bestimmte brachyzephale Rassen wie Englische Bulldogge oder Mops weisen aufgrund ihrer besonderen Morphologie eine hohe Rate geplanter Kaiserschnitte auf.
Nachgeburtliche Betreuung
Überwachung der Hündin
Erste 24 Stunden:
- Temperaturkontrolle: allmähliche Rückkehr zur Normaltemperatur
- Blutungsüberwachung: normale Lochien aber keine Blutung
- Beobachtung des Mutterverhaltens: Lecken, Positionierung zum Säugen
- Appetit: normalerweise in den ersten Stunden vermindert, dann allmähliche Steigerung
Nachgeburtliche Warnzeichen:
- Anhaltende Hyperthermie (>39,5°C)
- Übelriechender oder eitriger Ausfluss
- Apathie oder Weigerung, sich um die Welpen zu kümmern
- Krämpfe (mögliche Eklampsie)
- Trinkverweigerung länger als 12 Stunden
Betreuung neugeborener Welpen
Kritische erste Woche:
- Tägliches Wiegen: mindestens 10% Gewichtszunahme pro Tag
- Körpertemperaturkontrolle: 35-37°C in den ersten Tagen
- Saugkontrolle: alle Welpen müssen regelmäßig trinken
- Beobachtung der Vitalzeichen: Aktivität, Schreien, Suchen der Zitzen
Spezielle Pflege:
- Stimulation der Ausscheidung falls die Mutter es nicht tut
- Zusatzfütterung bei schwachen Welpen oder großen Würfen
- Hypothermievorbeugung: zusätzliche Wärmequelle wenn nötig
- Kennzeichnung: Tätowierung oder Chip nach geltendem Recht je nach Bundesland
Führe ein genaues Register: Geburtszeit, Gewicht, Geschlecht, Farbe, Besonderheiten jedes Welpen. Diese Daten sind wertvoll für die gesundheitliche und administrative Nachverfolgung.
Ernährung der säugenden Hündin
Erhöhter Nährstoffbedarf:
- Steigerung um 25-50% des Energiebedarfs je nach Wurfgröße
- Hochwertiges Futter für Welpen oder säugende Hündinnen
- Frisches Wasser ständig zur freien Verfügung
- Aufteilung der Mahlzeiten (3-4 mal täglich)
Eventuelle Supplementierung:
- Kalzium nur bei tierärztlicher Verschreibung
- Vitamine bei ausgewogener industrieller Ernährung (normalerweise unnötig)
- Probiotika zur Verdauungsförderung
Nachgeburtliche Komplikationen
Plazentaretention
Symptome:
- Anhaltende und übelriechende Scheidenausflüsse
- Hyperthermie
- Niedergeschlagenheit
- Appetitlosigkeit
Behandlung: Dringende tierärztliche Konsultation, Antibiotikatherapie, manchmal chirurgischer Eingriff
Metritis
Gebärmutterentzündung, die in den Tagen nach der Geburt auftreten kann:
- Ursachen: aufsteigende Infektion, Plazentaretention, Hygienebedingungen
- Anzeichen: Fieber, eitrige Ausflüsse, Apathie
- Behandlung: Antibiotika, entzündungshemmende Mittel, manchmal Hospitalisierung
Eklampsie (Hypokalzämie)
Häufiger bei kleinen Rassen wie Chihuahua oder Yorkshire Terrier mit großen Würfen:
- Symptome: Zittern, Krämpfe, Hyperthermie, Steifheit
- Absoluter Notfall: Lebensgefahr
- Behandlung: intravenöse Kalziuminjektion unter tierärztlicher Kontrolle
Eklampsie kann während der Geburt oder in den folgenden 3 Wochen auftreten. Jeder Krampf bei einer säugenden Hündin erfordert sofortige tierärztliche Konsultation.
Mastitis
Entzündung der Milchdrüsen besonders häufig:
- Ursachen: Trauma, Infektion, Milchstau
- Anzeichen: heiße, schmerzhafte, geschwollene Milchdrüsen, veränderte Milch
- Vorbeugung: Hygiene, Überwachung der Welpenkrallen
- Behandlung: Antibiotika, entzündungshemmende Mittel, örtliche Behandlung
Entwöhnung und Nachbetreuung
Welpenentwicklung
Normale Entwicklung:
- Tag 0-14: Neugeborenenperiode, Augen und Ohren geschlossen
- Tag 14-21: Öffnung der Augen und Ohren, erste Bewegungen
- Tag 21-35: Übergangsperiode, erste Schritte, Spiel
- Tag 35-49: Primärsozialisation, Lernprozesse
Entwöhnungsphasen:
- 3-4 Wochen: allmähliche Einführung von Feuchtfutter
- 5-6 Wochen: Verringerung der Säugehäufigkeit
- 7-8 Wochen: vollständige Entwöhnung möglich
- Allmähliche Anpassung je nach Rasse und Individuum
Tierärztliche Nachsorge
Empfohlene Besuche:
- Nachgeburtliche Untersuchung der Mutter (24-48h nach der Geburt)
- Erste Welpenuntersuchung (2-3 Wochen)
- Erste Impfung (6-8 Wochen nach dem Impfkalender)